Innovation und Kultur sind ein Paar

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Innovation und Kultur sind ein Paar

Alle Jahre wieder – nein eigentlich noch viel öfter – wird darüber geklagt, dass  Deutschland den  Anschluss  durch fehlende Innovationsstärke verliere. Ja, wir  springen nicht sofort auf jeden Trend auf, vielleicht entlarven wir die neusten Hypes auch nur als „alten Wein in neuen Schläuchen“ wie z.B.  Machine Learning / Deep Learning/ AI/KI, denn neu ist das nicht! Ich habe den Hype schon einmal mitgemacht – so um die Jahrtausendwende. Aber einige, insbesondere Medien Vertreter brauchen einfach länger, bis sie da ankommen, wo andere schon lange waren.

Vielleicht sind die so angeklagten Unternehmen schon lange da, wo andere erst ankommen müssen? Vielleicht stellen sie aber auch so manche Anwendung per se in Frage – wie z.B. das Elektroauto als Heilsbringer, weil sie den gesamten Produktlebenszyklus überblicken und nicht nur die Abgase in Stuttgart und Berlin?? Vielleicht können die so Angeklagten noch das, was Anderen fehlt – differenziert denken. Vielleicht sogar vorausdenken? Vielleicht sind manche Anwendungen auch nicht mit den kriegerischen und kommunistisch-sozialistischen Erfahrungen Kontinentaleuropas vereinbar. Innovationen wie Scoring Systeme für die Bevölkerung im hochgelobten AI Land China oder UK – wollen wir die? Zu welchem Preis?

Neu und erschreckend ist heute eher wie unreflektiert wir solche Systeme als Vorbild für technische Fähigkeiten gutheißen, ja sogar loben. Mindestens genauso bemerkenswert ist aber eine zweite Beobachtung: diejenigen, die die Technik verstehen und entwickeln, haben keine Alexa in ihrem Haus. Sie brauchen eigenen Aussagen nach auch keine Unterstützung durch „Deep Learning“, um bei Amazon die richtigen Produkte zu finden. Was schließe ich daraus?

Es wird aller höchste Zeit für HI. Sie kennen HI nicht? Es steht für humane Intelligenz. Ja, die gibt es  auch noch – meinem Geschmack nach aber viel zu selten!

Vielleicht verwechseln zu Viele nach wie vor Invention mit Innovation. Letztere setzt immer Akzeptanz durch die “Anwender, Käufer und Nutzer“ voraus. Vielleicht sind sogar die scheinbar Trägen die Schlaueren, weil sie zwischen Technologie Hype und persönlich, menschlichen Bedarf bewusst oder unbewusst wählen; weil sie spüren, was ihnen gut tut,  weil sie Risiken anders einschätzen. Weil sie vorausschauend handeln und es leid sind, die Schäden, die Andere mit ihrer „beruflichen“ Kurzsichtigkeit anrichten, teuer ausbaden zu müssen?

Was nützen uns in Zukunft Schüler, Auszubildende, Studenten, ArbeitnehmerInnen, die zwar hervorragend coden können, aber nicht mehr die richtigen Fragen stellen? Sie sind dann nur noch leichter manipulierbar durch einseitige Berichterstattung. Ihr Selbstwert, ihre Mündigkeit nehmen weiter ab. Nicht gut für ein demokratisches Gemeinwesen!

Eines fehlt mir in den Diskursen über Innovation, die ich im Laufe von 30 Jahren erlebt habe, immer schon: Innovation und Kultur sind ein Paar. Das eine geht ohne das andere nicht und bestimmt, wie und welche Innovationen angestrebt werden. Dies war bereits in den Anfängen der heutigen Internet Wirtschaft sehr gut zu erkennen:  USA, Japan oder Europa würden andere Schwerpunkte auf Basis der gleichen Grundtechnologien setzen.

Selbst in unserer scheinbar globalen Welt findet Innovation immer in einem „lokalen“ Innovationsraum statt. Daher spielt das gesamtgesellschaftliche Klima und Bewusstsein eine herausragende Rolle. Genau hier müssen wir in Europa, in Deutschland ansetzen, um an unsere Erfolge anzuknüpfen und sie passend zum Bedarf eines systemischen 21.Jahrunderts weiterzuentwickeln.

Diese Richtung ist historisch und kulturell bedingt nicht die Chinas oder der USA. Gerade in unserer jüngeren Vergangenheit haben wir Demagogie (Fake news), Krieg, Bespitzelung (Scoring), Kontrollwahn und Verwüstung leidvoll erfahren. Vielleicht stehen wir daher einigen der Anwendungen der digitalen und “shape the human” Technologien mit größerer Skepsis, Vorsicht gegenüber.

Wir haben aber auch einmal eine Aufklärung erlebt, die uns in zweierlei Weise prägt. Durch die großen wissenschaftlichen und technischen Erfolge auf Basis reduktionistisch-mechanistischer Denkmodelle setzen wir eher auf Technik, denn auf menschliche Fähigkeiten bei der Lösung von Problemen.  Wir (ver)trauen den Menschen weniger als der Maschine. Leider passt das gerade heute nur bedingt. Gleichzeitig haben wir eine Rolle angenommen, die manche mit KI in einer Weise fortschreiben möchten (Singularity), die ich persönlich ablehne. Es ist die Rolle des Menschen, des Ingenieurs, des Geeks egal ob KI oder CRISPR  als Beherrscher der Natur (- gesetze). Glauben wir ernsthaft, wir können  (und sollten) es mit den immanenten Urgewalten aufnehmen – der Geologie, dem Klima? Glauben wir, es in einer „sicheren“ Weise beherrschen und kontrollieren zu können? Sehen wir nicht wie widerspüchlich wir handeln? Wir trauen den Menschen nicht und gleichzeitig sollen Wissenschaftler, Ingenieure und IT es richten. Sind das keine Menschen?

Mit beiden Ansätzen, unserer reduktionistisch -mechanistischen Methodik und der Rolle, die wir verinnerlicht haben, stoßen wir heute an Grenzen, denn komplex adaptive Systeme lassen sich nicht “kontrollieren” wie wir es von Maschinen gewohnt sind. Aber es wird vermutlich noch eine Weil dauern bis es die Mehrheit merkt. Können wir solange warten? Auf jeden Fall sollten wir die Zeit nutzen, um unsere innovative europäische Zukunft zu klären, anstatt weiterhin Spielball zwischen USA und China zu sein – sei es technologisch, politisch oder wirtschaftlich. Wenn wir uns klar geworden sind, was wir wollen, haben wir den entscheidenden Beitrag zu erfolgreichen Rahmenbedingungen für organische Innovationsfähigkeit gesetzt.

Wir leben mittendrin, nicht auf einer  Insel. Europa/Eurasien waren schon immer relativ dicht besiedelt. Wir haben lernen müssen, unser Handeln in den Kontext dicht aufeinander lebender „Völker“ anzupassen, es auszutarieren, es in ein komplex adaptives System so einzupassen, dass es sowohl die Eigenbedürfnisse ausreichend berücksichtigt wie das Gesamtsystem prosperiert. Gerade durch diese kulturellen Erfahrungen haben wir jetzt einen evolutionären Vorteil. Wir, Europa sind systemfähig! Andere nicht – sie setzen weiterhin auf „Command & Control“ – ein Auslaufmodell des Maschinenzeitalters.

Wer zukünftig erfolgreich sein will, d.h. für mich eine faire und freiheitliche Lebensweise  ermöglichen und erhalten will, braucht tiefe Einsicht in die Funktionsweise von komplex adaptiven Systemen – egal ob es ökologische Systeme, globale oder lokale Gesellschaften oder der Mensch selbst sind. Wer versteht, die Rahmenbedingungen vorausschauend so zu setzen sind, dass Systemstörungen zu Fortschritt statt Zerstörung führen, hat einen  Überlebensvorteil. Dafür muss man aber auch begreifen, das in komplex adaptiven Systemen jedes Teil Bedeutung hat, niemand überflüssig ist und dass es keine zentrale Steuereinheit gibt. Die Gesundheit jedes Einzelteils bestimmt die Systemgesundheit und umgekehrt.

Der Kontext in dem wir leben, die Kultur die wir mitbringen, setzt so den Rahmen für unsere spezifischen Innovationsrichtungen  und Lösungen. Innovation findet nicht einfach statt- wir machen sie. Aber man kann sie nicht industriell organisieren und planen, siehe Bill Gates, M. Zuckerberg oder Robert Bosch. Das stellt gerade uns in Deutschland mit einer ausgeprägten Stärke im Engineering und der industriellen Fertigung die Aufgabe, die Anwendbarkeit und die Grenzen der bisherigen Modelle der Innovationsförderung zu hinterfragen. Statt auf Organisation, Planung und Innoavtionsservices zu setzen, geht es darum die Rahmenbedingungen für eine organische Innovationsfähigkeit zu setzen. Das bedeutet, sich den Bürgern, der alternden in allen Altersgruppen auf Sicherheit durch Bewahrung setzenden Gesellschaft, den „geschlossenen“ Märkten zu widmen. Es braucht eine neue Kommunikation, neue Rollen und gemeinsame vernetzte Verantwortung für unsere Zukunft. Wir  brauchen ein gemeinsames Ziel auf das wir hinarbeiten! Wir müssen vertrauen in die Zukunft zurückgewinnen und gemeinsam daran arbeiten – statt zu delegieren & separieren. So lässt sich dem Potential europäischer Innovationen ein neuer Schub verleihen und es als attraktives Modell für andere Regionen wieder ausbauen.

Daher wünsche ich mir, dass wir uns auf ältere europäische Stärken – die der „Voraus“ denker besinnen, die Chancen und Risiken, die Richtung differenziert zu reflektieren und bewusst laut „Nein“ zu manchem zu sagen und die damit verbundenen Konsequenzen zu tragen. Anderes, von dem wir überzeugt sind, gilt es mit Hochdruck voranzutreiben.

Für Deutschland und Europa wird es höchste Zeit zu gestalten statt weiter zu verwalten!

 

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